Interviews
Sean Paul: Doch wieder Weiber
Mit 36 Lebensjahren wähnt sich Sean Paul Henriques auf einem guten Weg, endlich die lange, lange Pubertät hinter sich lassen. Im Interview erzählt Sean Paul über sein neues Album Imperial Blaze.
Mit 36 Lebensjahren wähnt sich Sean Paul Henriques auf einem guten Weg, endlich die lange, lange Pubertät hinter sich lassen.
„Die Zeiten, in denen ich nur über dicke Ärsche singe, die sind vorbei.“ Behauptet Jamaicas erfolgreichster und meistverkaufender Musiker seit Bob Marley beim Gespräch im New Yorker Büro seiner Plattenfirma. Neben ihm sitzt eine Mitarbeiterin des Managements. Sie soll darauf achten, dass ihr Schützling kein dummes Zeug erzählt.
Diesem Ziel dient auch das strenge Grasverbot. „Mein Label meint, es müsste auf mich aufpassen“, muffelt Sean Paul, „dabei weiß ich, was sich gehört. In Interviews mit Radiosendern oder Teeniemagazinen verzichte ich zum Beispiel darauf, über meinen neuen Song „High as green“ zu schwärmen.“
Besagtes Lied stellt einen Zusammenhang her zwischen dem primären weiblichen Geschlechtsorgan und einem guten Joint. „Soll ich ein wenig ins Detail gehen?“, fragt Sean. Er lässt es bleiben, und die Dame neben ihm atmet erleichtert aus.
„Imperial Blaze“ heißt das neue Album des Dancehall-Superstars. Es ist das erste nach vierjähriger Pause, und es soll anknüpfen an das höchst erfolgreiche Werk „The Trinity“ sowie an das legendäre Durchbruchsalbum „Dutty Rock“, mit dem der ehemalige Wasserball-Nationalspieler 2002 schlagartig den Globus eroberte.
Alle Welt zappelte und kiffte seinerzeit zu „Gimme the Light“ oder „Get Busy“, später auch zu „We be burnin’“, doch in letzter Zeit war es eben doch auch sehr still geworden. Andere Jamaicaner eroberten das Rampenlicht, allen voran Sprint-Olympiasieger Usain Bolt. Den kennt Sean Paul natürlich auch.
„Usain ist ein feiner Kerl, aber abseits der Laufbahn wirkt er noch ein bisschen unbeholfen. Kürzlich habe ich ihn im Nachtclub bei uns in Kingston getroffen, und obwohl ihn alle kannten und zu ihm rüberschauten, hat er sich nicht getraut, ein Mädchen anzusprechen.“ Vielleicht sollte Bolt bei Sean Paul Nachhilfe nehmen.
Denn auch „Imperial Blaze“, das dritte internationale Album des Popreggaemeisters, dreht sich wieder einmal von vorne bis hinten um die Ladies. Sean Paul hat das Werk gemeinsam mit dem erst 19 Jahre alten Stephen McGregor produziert. Dessen Vater ist der legendäre Reggaekönig Freddie McGregor („Just don’t want to be lonely“). Und auch der kleine McGregor, der sich den Spitznamen „Di Genius“ verliehen hat, ist ein großer Freund des weiblichen Geschlechts. „Für einen Teenager hatte er ein erstaunliches Wissen an Verführungstaktiken parat“, bemerkt Sean Paul. Und so ist es nur logisch, dass die beiden in den langen, heißen Kingstoner Produktionsnächten vom Ausgangsplan deutlich abkamen.
„Ich hatte ja eigentlich und wirklich vor, ein Album zu machen, dass Jamaica von seinem Stigma befreit“, sagt Sean Paul. „Viele fragen mich, wie ich überhaupt noch dort leben kann, angesichts der Armut und der fürchterlichen Jugendgewalt. Diesen Menschen möchte ich sagen, dass ich Jamaica nicht den Leuten überlassen werde, die das Land schänden.“
Seine Firma jedoch konnte der als Lady- und Lifestylemusiker berühmt gewordene Sean Paul nicht überzeugen. „
Die wollen, dass ich ein Unterhaltungskünstler bleibe.“ Folglich klingt auch „Imperial Blaze“ vertraut. Jedenfalls fast. Und da sind wir wieder beim Erwachsenwerden. Neben einer Hymne an seine Mutter („Straight from the Heart“) überrascht der einstige Klosterschüler und langjährige bekennende Vielflachleger auf der recht romantischen Ballade „Hold my Hand“ mit einer ganz neuen Aussage. „Der Song handelt davon, dass ich treu bin. Ich sage, dass ich die Frau in dem Lied nie wieder aufgeben werde.“ Dummerweise ist die Holde verheiratet, und zwar nicht mit Sean Paul.
Steffen Rüth

